Puzzeln (als Sinnbild) für die Welt

Vor Weihnachten habe ich zu meinem Mann gesagt, lass uns ein Puzzle kaufen. Das wäre eine perfekte Beschäftigung über die Feiertage. Alle könnten mitmachen und hätten ein gemeinsames Ziel. Familie und Freunde besuchen war ja nicht angesagt, und wir konnten auch nicht die ganze Zeit essen. Er war strikt dagegen. Ich kann mich an seine Argumente nicht mehr erinnern, aber ich bin sicher, sie waren gut. Ich habe es auf jeden Fall nicht weiterverfolgt und kein Puzzle bestellt. Um ganz ehrlich zu sein, habe ich es vergessen und mich stattdessen um Schinken und Grünkohl für das Julbord gekümmert.

Heiligabend, zur Bescherung, tauchte ein „Familiengeschenk“ auf. Mein Mann lächelte verschmitzt, es war ein Puzzle mit 1000 Teilen. Es stellte eine Wolfsfamilie im verschneiten Wald dar. Graubraune Wölfe, graublaue Bäume, grauweißer Schnee und ein Himmel in Rosa. Eine echte Herausforderung, dachte ich vergnügt und freute mich auf viele Stunden mit der Familie am Tisch im Wohnzimmer, wo wir jeder eine Aufgabe übernehmen würden.

Ich fange also schon am ersten Weihnachtstag an. Wie jeder Puzzler beginne ich damit, die Randteile auszusuchen, um dem Puzzle einen Rahmen zu geben. Meine Familie bleibt fern. Sie spielen Kniffel, gucken Fernsehen und rufen mir halbherzig „später“ und „gleich“ zu. Noch glaube ich es und suche weitere Puzzleteile vom Rand zusammen.

Nach dem Rand entscheide ich mich dafür, dass der rosa Himmel ein guter Start ist,bis ich Unterstützung bekommen würde. Ich lege dabei die Puzzleteile mit erkennbaren Augen, Mündern und Ohren ordnungsgemäß auf ein Tablett, für denjenigen von uns, der sich später um die Tiere kümmern würde. Es sind nämlich nicht nur Wölfe zu sehen, sondern auch Mäuse und Vögel. So erleichtere ich den Einstieg für die restliche Familie, denke ich, und puzzele den Himmel zu Ende. „Kommt mal gucken!“ rufe ich meiner anderswo beschäftigten Familie zu. Und sie gucken. Und gehen wieder.

Ich sitze weiter am Puzzle. Ich trinke Tee. Ich trinke Julmust. Ich puzzele bis das Tageslicht schwindet und hole mir meine neu angeschaffte Fotostehlampe aus dem Arbeitszimmer dazu. Es ist mit Licht immer noch schwer. Sehr schwer! Ich rufe aus Begeisterung „Där satt den!“, wenn ich ein Puzzleteil in Grauschattierung richtig zugeordnet habe. Ich glaube, dadurch kann ich meine Familie für mein – mittlerweile ist es ja mein – Vorhaben engagieren. Mein Mann gibt zu, sich nie besonders viel für’s Puzzeln interessiert zu haben. Er geht in den Keller und hört stattdessen Musik.

Weihnachten ist vorbei. Silvester kommt. Wir haben keine Gäste. Ich puzzele Schnee. Das eine Kind gibt zu, nicht in Puzzle-mood zu sein, das andere stöhnt nach fünf Minuten, „Das ist ja ein UNMÖGLICHES Puzzle!“, und ich sehe endgültig ein, das wird wohl nichts mit dem gemeinsamem Puzzeln. Als die Kinder abgereist sind, bin ich immer noch nicht fertig, aber weiß mittlerweile, ich bin für das erfolgreiche Abschließen des Weihnachtsprojektes allein verantwortlich. Ich sortiere die restlichen Teilchen nach der Form. Farben sind weder mit noch ohne Licht zu erkennen oder auseinander zu halten. Das eine Grau geht in das andere über. Was Fell und was Zweig ist, das ist nicht zu unterscheiden. Ich fange an zu denken, dass das Puzzlegrau das Grau in der heutigen Welt symbolisiert: Corona, Quarantäne, Trumpanhänger und nicht vorhandenes Winterwetter. Ich denke, ich sitze hier bis Mittsommer. Oder zumindest bis Ostern. Ich fühle mich alleine und verlassen. Ich trinke Rotwein. Ich trinke Schwarzbier. Nur nichts Farbloses oder Graues!

Am 17. Januar kehrt das Licht in die Welt zurück. Die letzten graubraunen Fellteilchen haben ihren Platz gefunden: mein Puzzle ist fertig! Die Sonne scheint, es ist wohl kalt und ein paar Schneeflocken segeln durch Hamburg. Die Trump-Ära ist so gut wie vorbei und die Corona-Impfungen, die uns allmählich ein normaleres Leben bescheren sollen, schreiten voran.

Weihnachten 2021 werde ich mir selbst ein Puzzle kaufen. In dieser Familie ist weder die nötige Ausdauer noch das feine Händchen für ein ansprechendes Motiv vorhanden. Motto des Jahres: „Selbst ist die Frau.“

/carina

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