Christer in Svenljunga

 

Als Carina im Mai nach Svenljunga kam, war das ganze Dorf in Aufregung. Nicht, weil Carina nach Hause kam, sondern weil ein fünf Meter hoher Elch aus Eisendraht gerade an einen kleinen Hügel an der Ortseinfahrt Platz genommen hatte.

Svenljunga liegt in Västergötland und der Ort hat etwa 3700 Einwohner, was gerade acht Einwohner pro Quadratkilometer macht. An dem ersten Wochenende Anfang Mai 2021 war die Bevölkerungsdichte dann allerdings ziemlich über dem Durchschnitt, und zwar an dem ehemaligen Müllhügel hinter der Firma Star Trading AB. Dort nämlich wollten etliche Schaulustige den neuen Einwohner, den Eisendraht-Elch, willkommen heißen.

Christer Johansson, der CEO von Star Trading AB, ist der Mann, der seinem Heimatort den Elch beschert hat. „Ich habe den Draht-Elch gesehen und mich sofort verliebt“, gesteht er mit einem verschmitzten Grinsen. Christer ist ein erfahrener Jäger, hat selbst bereits dreizehn Elche erlegt und weiß, wie ein Elch auszusehen hat. Besonders toll fand er bei der Figur des Künstlers Mohannad Soleman, dass der Elch auch wirklich wie ein Elch aussieht. „Er ist muskulös und die Proportionen stimmen“, sagt er anerkennend.

Aber, was will ein erfolgreicher Geschäftsmann mit einer fast eine Tonne schweren Elchstatue machen? Wird er ein Werbeträger sein und im Winter mit den Produkten von Johanssons Firma ausgestattet? Star Trading AB stellt nämlich seit 1985 Weihnachts- und Außenbeleuchtung her.

Der Elch wird kein Werbeträger sein, sondern er gehört zu Christer Johanssons Planung für seine Zeit als Rentner. 1952 geboren hat er eigentlich schon das schwedische Rentenalter erreicht und zurzeit arbeitet er daran, seinen Betrieb in die Hände seines Sohnes Robert zu übergeben. „Aber danach will ich auch etwas zu tun haben“, erklärt er. „Ich baue gern, möchte der Gesellschaft etwas zurückgeben und ich kann doch nicht nur Golfspielen!“

Egal wie schön der Golfplatz von Svenljunga ist, es ist nicht der Ort, an dem Christer plant, seine Zeit als Rentner zu verbringen. Einer seiner Lieblingsplätze, oder sagen wir mal smultronställen, ist Gräne Gruva. Die Grube liegt in Holsjunga etwa 15 km südwestlich von Svenljunga. „Die Firma meines Vaters hat das Waldgrundstück 1973 gekauft, um die Kiesgrube zu nutzen. Ich mochte schon damals das Gebiet, und die alte Feldspat- und Quarzgrube hat meine Fantasie beflügelt. Als die Firma 1986 verkauft wurde, haben wir aber das Grundstück behalten und seit einigen Jahren gehört es mir ganz allein.“

Und nun ist Christer kaum zu stoppen! Seine Liebe zur Grube, zur Gegend und der zugehörigen Geschichte dazu strömen aus jedem seiner Worte. Er erzählt von dem Feldspat, der mit der Bahn nach Deutschland transportiert wurde und möglicherweise sogar zu Rosenthal- und Meißener-Tellern verarbeitet wurde. Über Quarz und Feldspat, die zurasierklingenscharfen Bestandteilen in Splitterbomben während des ersten Weltkrieges wurden und von Marie Curie, die Euxenit – ein schwach radioaktives Mineral – aus Gräne in ihr Labor in Paris geschickt bekam.

In der Grube wurden zwischen 1899 und 1932 Mineralien gewonnen, aber Gräne ist nicht nur Geschichte. Gräne hat auch Zukunft! „Es soll kein Disneyland werden!“ sagt Christer bestimmt auf die Frage, ob Konzerte und andere Kulturaktivitäten denkbar wären. „Alles in und um die Grube soll kostenlos sein. Die Grube ist aufgerüstet und kann jetzt angeschaut werden, ohne dass Lebensgefahr besteht. Der Weg dahin ist für Autos ausgebaut worden und der Parkplatz ist erweitert. Es gibt Grillplätze, Sitzecken und Wanderwege. Wir haben hier letztes Jahr 250 Rhododendren gepflanzt und dieses Jahr kommen weitere 250 hinzu.“

Christers Vision ist, dass Gräne Gruva ein Ausflugsziel für drei Generationen wird. „Nichts freut mich mehr, als wenn ein Auto auf dem Parkplatz parkt und ein paar Kinder ungeduldig heraushüpfen und dann etwas langsamer kommen Oma und Opa dazu.“ Ihm wird es warm ums Herz, wenn er hört, dass in der durchaus schwierigen Corona-Zeit sowohl Geburtstage als auch andere Familienfeste in Gräne gefeiert wurden. „Es gibt immer Brennholz da, und es ist für alle zugängig. Wer will, kann etwas swischen aber es ist keine Pflicht.“

Die Grube liegt in einer Gegend, die seit mehreren Jahren von Abwanderung betroffen ist. Es gibt keine Bank mehr, die Lebensmittelläden sind zu und der Bahnhof ist nicht mehr im Betrieb. Der Diplomkaufmann sieht ein, dass es illusorisch ist, Betriebe in die Region locken zu wollen, aber er findet, dass es trotzdem möglich ist, die Region mit anderen Projekten aufzuwerten.

„Mein Traum ist ein gut funktionierender gemeinnütziger Verein für die Grube. Es gibt schon heute erste Schritte dazu, und ich hoffe dass es sich in den nächsten Jahren weiter so gut entwickelt wie bisher. Als ich mich letztes Jahr einer Bypass-Operation unterziehen musste, hat man mir gesagt, dass mein Herz nun 15 weitere Jahre halten wird – Gottseidank, dann schaffe ich es noch, die drei Fünfjahrespläne durchzuführen, die ich für Gräne geplant habe. Im Moment sind wir im Jahr vier von dem ersten Plan, und ich finde, es läuft gut.“ Christer hat seiner Frau Ellinor versprochen, dass er keine neue Firma gründen wird, wenn er in Rente geht. „Aber von einem gemeinnützigen Verein hat sie ja nichts gesagt“, schmunzelt er.

Der zweite Fünfjahresplan soll Gräne Gruva als Industriemuseum etablieren. Und der Elch des aus Syrien stammenden Künstlers Soleman soll dort seine neue Heimat bekommen.

„Der Elch gehört in den Wald und zu Gräne“, sagt Christer. Er hat im Februar dieses Jahr über den Künstler und sein Werk in Göteborgsposten gelesen, und dann war es eigentlich schon um den Elchjäger geschehen. „Ich habe Soleman kontaktiert, und als klar war, dass der Elch nicht in Surte bleibt, wo er zu der Zeit stand, habe ich ihm ein Kaufangebot gemacht.“

Seit dem 7. Mai thront der Elch hinter Star Trading AB am Weg 154. Auf dem Hügel steht er allein, aber in Gräne wird er von seinen lebendigen Artgenossen umgeben sein. „Es ging alles so schnell, dass wir nicht mehr geschafft haben, alles in Gräne vorzubereiten“, verrät Christer, über den jetzigen Standort von der Statue.

Bis zum gruvans dag am 1. August wird die Skulptur noch nicht in Gräne stehen. „Ich denke, im April 2022 wird es so weit sein“, sagt Christer zuversichtlich. Aber eines ist jetzt schon sicher, nämlich, dass Christer Joh{„type“:“block“,“srcClientIds“:[„01009b79-659c-456c-ab69-602d0a57deea“],“srcRootClientId“:““}ansson ein eldsjäl ist, und wenn er eine Vision hat, dann wird er alles dafür geben, sie in die Tat umzusetzen.



Vokabelliste

ett smultronställe, -n                   Lieblingsplatz

swisch                                       schwedischer Bezahldienst, etwa wie paypal

Göteborgsposten                        Lokalzeitung von Göteborg (Göteborg liegt etwa 90 km von Svenljunga entfernt)

Gruvans dag                              Tag der Grube

en eldsjäl, -ar                             Enthusiast, treibende Kraft


Hier könnt ihr mehr lesen:

Svenljunga.se – Svenljunga.se

Star Trading – Christmas & decorative lighting for indoors & outdoors

Startsida | Kinds Golfklubb (kindsgk.se)

Gräne gruva (granegruva.se)

Hier könnt ihr zuhören:

Köpte jätteälg i ståltråd: “Blev förälskad direkt“ – P4 Sjuhärad | Sveriges Radio

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