Auf einer spanischen Dachterrasse

Spanischer Himmel

Ende Februar saß ich auf einer Dachterrasse in einem ganz kleinen Ort in Spanien, und im Kopf war noch kein einziger Gedanke an Corona. Ich saß einfach da und dachte über das Kolumnen-Schreiben nach. Eigentlich hatte ich Urlaub, aber da ich nicht so besonders gut im „Urlauben“ bin und mich schnell langweile, dachte ich, ich könnte den Nachmittag dazu nutzen, eine Kolumne zu schreiben. Und ich glaubte, dass gerade Dachterrassen sich für das Schreiben im allgemeinen und für Kolumnen insbesondere eignen. Ich saß dort erwartungsvoll mit einem neu eingekauften Block und einem Stift, welchen ich von meinem Mann geborgt hatte. Ich hatte nichts mitgenommen. Ich wollte ja nur Urlaub machen und entspannen.

Die Kirchenglocken läuteten jede Viertelstunde, die Vögel zwitscherten, die Sonne hatte gerade eine Pause eingelegt und ich hatte ein Tüte mit gerösteten Mandeln. Nur so richtig schwedisch war es mir da oben nicht. So richtig hamburgisch auch nicht, und da meine Kolumne „Hamburg Intensiv - die Kolumne von Carina Middendorf“ heißt, schränkte es mich gedanklich in diesem Moment ein. Normalerweise schreibe ich über „Schwedische Themen“, egal wie weit man es mal fassen mag, aber bis zu meiner spanischen Dachterrasse reichte es irgendwie nicht.

Es konnte nicht unschwedischer sein, als dort oben! Die Häuser, die ich sehen konnte, waren keine roten Holzhäuser mit weiß umrandeten Fenstern, sondern gelb getünchte Steinfassaden, und die Februartemperaturen hatten so gar nichts mit Februartemperaturen in meinem Geburtsland zu tun. Auch wenn es mit 14 Grad gerade etwas kühl war, hatte meine Mutter mir am selben Morgen von 4 Grad minus und Schneetreiben in Schweden berichtet.

Sogar das Kaffeetrinken kam mir dort spanisch vor. Nichts mit „Fika“ und „Sju sorters kakor“! Nein, ein doppelter Espresso im Stehen, wie ein Schnaps. Und nicht mal beim Bezahlen, obwohl auch Spanien Euroland ist, kam es mir hamburgisch und heimisch vor: 2 x doppelter Espresso kostete gerade 2,20 €. In Hamburg bekommst du dafür nicht mal einen! Zumindest keinen, der schmeckt... Dort schmeckte der Kaffee so gut, dass ich nicht mal zum Frühstück mehr Tee trinken wollte.

Ich kannte mich selbst nicht mehr. Ich trank Kaffee, als gäbe es kein morgen, hing auf Dachterrassen rum und hörte die katholischen Kirchenglocken läuten. Die Mandeln schmeckten gut, die Sonne kam wieder heraus und meine Tochter rief an, dass sie jetzt Feierabend hätte und mit uns etwas unternehmen wollte. Ich ließ meinen neuen Block in der Tasche verschwinden und gab meinem Mann den Stift zurück. Schließlich hatte ich ja Urlaub.

In Hamburg, etwa vier Wochen später, erkenne ich weder mich selbst noch die Welt, so wie ich sie kannte, wieder. Alle Wochendkurse und der Firmenunterricht sind erst mal gestrichen. Mein Mann hat Homeoffice, meine „spanische“ Tochter Ausgangssperre und mein Sohn in Schweden alle Vorlesungen online. Wir gehen nicht ins Café oder ins Kino, alle gekauften Konzert- und Theaterkarten verfallen, und wir laden keine Menschen zu uns nach Hause ein. Wir kaufen einzeln und solidarisch in haushaltsüblichen Mengen ein, bekochen uns zu Hause und trinken Dienstagabend Schnaps, um uns zu beruhigen. Wir machen uns Sorgen um unsere Eltern und Kinder, Freunde, Kunden und Geschäftspartner. Wir wissen nicht wie und wann es zu Ende sein wird.

Aber eins wissen wir: Wir bleiben zu Hause, damit der Virus keine Chance hat!

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