Wer schön sein will, muss leiden 50+

Ab einem gewissen Alter ist Schönsein nicht mehr so einfach. Besonders morgens ist es schwer, auch nur ansatzweise wie man selbst auszusehen. Oder so wie man sich selbst in Erinnerung hat, das trifft es vielleicht eher.

Vor einigen Jahren entdeckte ich ein helles Haar auf meiner dunklen Winterjacke und fragte mich erstaunt wo das herkam. Es sah ja aus wie meins, lang und lockig, nur die Farbe stimmte nicht. Es war aber nicht hell, es war grau und es war meins. Nicht heulen, sagte ich mir, sondern sofort rausreißen – Problem erledigt. Mit dem Rausreißen muss Frau aber irgendwann aufhören, sonst droht die Glatzköpfigkeit, und die sieht bei Frauen nicht ansatzweise so charmant aus, wie damals bei Sean Connery. Letztens habe ich vor dem Spiegel geglaubt, dass ich einen kahlen Fleck am Scheitel habe und kopfgoogelte in sekundenschnelle alle Krankheiten die mit Haarausfall zusammenhängen. Bevor ich zu einer Diagnose kam, stellte ich fest, dass es „nur“ eine graue Haarsträne war. Die grauen Haare sind nicht mehr gleichmäßig über das Haupt verteilt, sondern rotten sich zusammen und bilden Kolonien.

Naturschlank zu sein, gehört auch der Vergangenheit an, mit 50 +. Heute sind Weightwatchers oder Entbehrungen, der einzige Weg, schlank zu sein, was ich ohnehin nicht mehr bin. Ernährung ist nicht nur Essen, sondern Wissenschaft, soll Power bringen, Brain trainieren, vegan und möglichst raw sein. Shiapudding zum Beispiel, ein paar Teelöffel der teuren Öko-Samen in gesundheitsfödernde Mandelmilch eingerührt, sieht aus wie Qualkappen in Frühstadium, und von der Konsistens her könnte es auch genau das sein. Sie müssen mit Frucht und Vanillieschote gedopt werden, sonst kann man sie nicht durch den Hals bekommen. Und da müssen sie durch, sondern können sie ihre heilbringende Wirkung nicht entfalten. Was sie genau machen, weiß ich nicht mehr, aber ich vermute, Leinsamen könnten es auch.

Ab 50 + ist Sport nicht mehr Spaß, sondern mutiert zum Mobilisierungstraining. Wer zu oft auf dem Hintern sitzt und nur die Hände zum Tippen bewegt, braucht eine Bewegungsuhr, die nach 90 Minuten penetrant rot „Time to move“ blinkt. Außerdem bekommt man abends rot auf schwarz mitgeteilt, ob man das gesteckte Ziel von Minimum 10 000 Schritten erreicht hat. Wenn nicht, hilft nur eins: Bewegung!

Trotz alledem, es hat einen Vorteil, 50+ zu sein: Auch wenn du das alles weißt, du machst was du willst. Du bist erwachsen, triffst deine eigene Entscheidungen und da du genau weißt, wie du aussiehst, kannst du dich zur Not auch ohne Vergrößerungsspiegel schminken. Das ist die ausgleichende Gerechtigkeit der Natur: Ich sehe vielleicht nicht mehr so gut aus, aber das kann ich auch nicht mehr so gut sehen.

/carina

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