Eine etwas andere EM

Diese EM ist besonders. Nicht nur, weil die politischen (Fehl-)Entscheidungen rund um illuminierte Stadien etc öffentlich viel mehr Raum einnehmen als der Fußball selbst. Es fehlen auch die typischen Merchandising-Produkte und Lebensmittel-Sondereditionen in Deutschland-Farben. Und coronabedingt gibt es keine großen Public Viewing-Veranstaltungen, zu denen es auch Fußballmuffel zieht. Diesmal ist es möglich, die EM zu umgehen oder zu vergessen, wenn man es möchte.

Und da lerne ich mich selbst plötzlich ganz neu kennen: Ich hielt mich immer für jemanden, der nur Fußball guckt, weil es einen gewissen sozialen Druck bzw eine fear of missing out, FOMO, gibt – beim WM-Finale 2014 mit dem anschließenden Deutschland-Sieg fühlte es sich ein bisschen an wie in der Sylvesternacht (wenn man dann beruflich gerade alleine in einer anderen Stadt ist, während die Freunde alle zusammen die mega WM-Party schmeißen, guckt man halt auch alleine in einer Kneipe, einfach, weil es alle machen, kommt dort mit einer fremden Schweizerin ins Gespräch und teilt sich zwei Karaffen Rotwein, während nebenbei das Spiel in die Verlängerung geht. Alles schon vorgekommen).

Aber dieses Jahr merke ich, dass ich tatsächlich diese Spiele sehen WILL, unabhängig von den sozialen Veranstaltungen drum herum, die ja größtenteils eh nicht stattfinden: Ich bin es plötzlich, die Leute motiviert, mit mir im halb leeren Restaurant oder Biergarten zu gucken, ich bin es, die noch weniger Fußball-versierten Freunden die Abseits-Regel erklärt (eine ganz neue Rolle). Oder die sogar müde und abgeschlagen nach der 2. Corona-Impfung, bei tropischen Temperaturen, im kühlsten Raum der Wohnung – auf den Badfliesen – ein Spiel guckt, rein um des Spiels willen.

Ganz neue Seiten, die ich in diesem Jahr an mir entdecke. Auch, dass ich nicht wie die anderen sofort los jubele, wenn ein Tor fällt, sondern nach der ersten kurzen Freude ein besorgtes „erstmal nochmal gucken, nicht, dass es Abseits war“ hinterherschiebe. Vielleicht ist das aber auch einfach ein Zeichen, dass ich älter und abgeklärter werde. Und das hat ausnahmsweise mal nichts mit Corona zu tun.

/wiebke

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