Die Schweden = sozial inkompetent

Herr Gabriel Kuhn aus Österreich behauptet in der schwedischen Boulevardzeitung Aftonbladet, dass die Schweden sozial inkompetent sind. Im Februar diesen Jahres veröffentlichte er einen Debattartikel darüber, dass eine Integration in Schweden nie gelingen könne, aufgrund dieser sozialen Inkompetenz. Aber sind die Schweden das wirklich, sozial inkompetent?

Meine schwedische Mutter sagte manchmal, als wir Kinder waren, „Sköt dig själv och skit i andra„*. Das war kein Spruch, den sie erfunden hatte, sondern es gab mehrere Mütter und vermutlich auch Väter, die das ihren Kindern beibrachten. Ich habe es damals als Aufforderung, über andere nicht zu urteilen, verstanden, aber es könnte auch anders ausgelegt werden. Ungefähr so: „Kümmere dich um deinen eigenen Kram und lass es dir egal sein, wie es den anderen geht“. Beide Auslegungen könnten vielleicht als sozial inkompetent ausgelegt werden. Fakt ist aber, das es nicht unbedingt zur Interaktion mit den Mitmenschen anregt.

Viele „Zugezogene“ in Schweden berichten, wie schwer es ist, neue einheimische Freunde zu finden. Das ist nicht nur für Mitbürger aus fernen Ländern, wie Syrien, Afghanistan, Eritrea und Deutschland schwer, es ist das gleiche, wenn man als Schwede die Stadt wechselt. Am einfachsten scheint es für Studenten und frisch gebackene Eltern zu sein. Da sind alle gewissemassen in einer neuen Phase des Lebens und orientieren sich neu. In den meisten anderen Lebensphasen hat man schon, was man braucht: Familie, Vollzeitjob, Sport und vielleicht ein paar Freunde von früher. Alle arbeiten, auch Eltern von Kleinkindern arbeiten häufig beide 40 Stunden in der Woche. Viele Kinder haben zusätzlich nach der Schule Fußballtraining, Reiten oder Schwimmschule und die jüngeren können da nicht alleine hin, sondern brauchen einen Elternteil als Begleitung. Den Haushalt muss jeder selbst in Ordnung halten, da eine Putzhilfe zu beschäftigen, nicht als politisch korrekt angesehen wird. Einrichten gilt als ein ernstzunehmendes Hobby und wird fast als Wettbewerb angesehen: Wer hat es am mysigast zu Hause? Um fit, gesund und leistungsstark zu bleiben, darf auch nicht der Gang ins Fitneßstudio versäumt werden. Noch lieber sollte man als nyårslöfte ein ehrgeiziges Sport-Ziel wie Vasaloppet, Vansbrosimmet, Vätternrundan oder Lidingöloppet anstreben. Oder warum nicht alles auf einmal? Dann hat man den svenska klassikern geschafft, kann sehr stolz auf sich sein, aber freie Zeit hat man dann noch weniger als sonst. Vielleicht gibt es noch eine Oma, die auf Besuch wartet und Hilfe beim Einkaufen braucht? Die restliche Zeit ist mit Wäsche waschen, Essen kochen und Kinder erziehen leicht ausgefüllt.

Sind die Schweden nun sozial inkompetent und lassen keine Integration zu? Möglich, aber hauptsächlich mangelt es an Zeit. Wann, um Himmels Willen, soll die schwedische Durchschnittsfamilie Zeit finden, neue Mitbürger einzuladen und an dem schwedischen Leben teilhaben zu lassen? Ist irgendetwas an diesem Leben der hypergestressten Mitmenschen schwedisch, und was daran dient derIntegration?

Die Frage mit der gelungenen Integration, muss anders gestellt werden. Es geht nicht um Inkompetenz, soziale oder sonstwie geartete. Es geht um Zeitmangel. Zeit sich in die Lebenssituation anderer Menschen reinzuversetzen und dann die Zeit, sich dafür zu engagieren.

/carina

 

*Wortwörtlich: „Kümmere dich um dich und scheiß auf die anderen“

mysig-mysigare-mysigast gemütlich – gemütlicher – am gemütlichsten

nyårslöfte Vorsatz für das neue Jahr

Vasaloppet 90 km auf Skier zwischen Sälen und Mora

Vansbrosimmet 3 km schwimmen durch offenes Wasser in Dalarna

Vätternrundan 300 km auf dem Fahrrad um den zweitgrößten See Schwedens

Lidingöloppet 30 km laufen in hügeliger Landschaft in Stockholm

svensk klassiker wenn man an alle vier Wettbewerbe innerhalb eines Kalenderjahres teilnimmt

https://www.aftonbladet.se/debatt/a/1koGQQ/halla-svenskar-ni-ar-socialt-inkompetenta

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