Bokrea – eine frühkindliche Prägung

Am 26. Februar ist es so weit: die bokrea beginnt! Seit den 1920-igern ist es Tradition, alte Buchbestände mittels Ausverkauf aus den Läden im Februar an das Volk zu bringen. Raus aus den Regalen und dem Lager, damit Platz ist für Neues. Zumindest war es früher so, mittlerweile werden nicht nur Ladenhüter vertickt, sondern Bücher werden für diesen lukrativen Termin produziert, ein bisschen dünneres und schlechteres Papier, ein bisschen weiter weg und sehr günstig hergestellt, aber danach fragt im Februar keiner.

In der Studienzeit waren meine Kommilitonen und ich alle scharf darauf, etwas Anderes zu lesen und ins Regal stellen zu können, als nur Fachliteratur. Wir haben uns gut vorbereitet, lasen die Wurfsendungen wie der Wirtschaftsprüfer die Buchhaltung eines neuen Mandanten, gaben uns gegenseitig Tipps und standen dann am Tag der Tage ewig lange in Schlangen an. In einer Schlange, um reinzukommen, in den überfüllten Buchhandel, in einer anderen Schlange, um sich die Bücher anzuschauen, und zum Schluss in der finalen Schlange an der Kasse. Stolz trugen wir unsere Schätze in die Studentenbude, da ein sorgfältig bestücktes Bücherregal einen gewissen Status versprach.

Dass alle Bücher tatsächlich gelesen wurden, wage ich nicht zu versprechen, aber alle wurden ausnahmslos noch mehrere male in die Hand genommen: bei den nächsten drei bis vier Umzügen. In Göteborg in den 80-igern gab es keine Wohnungen, also zogen ich und alle anderen von dem Zweitmietvertrag nach sechs Monaten, da die Hauptmieterin aus Paris wieder da war, zu einem Drittmietvertrag, wo der Opa ins Pflegeheim gekommen war, und danach zu einer WG in ein Haus, was demnächst abgerissen werden sollte. Wir sammelten nicht viel Hab und Gut an, in dieser Zeit, aber Bett und Bücherkisten, das hatten wir alle.

Falls es schon damals die Möglichkeit gegeben hätte, Bücher als Datei auf einem Lesegerät zu lagern, hätte uns das die Umzüge wesentlich erleichtert. Aber wie hätten wir dann den Schwarm oder die neuen Freunde unauffällig „überprüfen“ können, wenn wir nicht einen beiläufigen Blick ins Regal oder in die Bücherkiste hätten werfen können?

Ich muss gestehen, 2019 immer noch nicht komplett auf Leseplatte* umgestiegen zu sein, obwohl ich unter auseinanderbrechenden Bücherregalen leide. Ich finde es schön, in Buchläden zu stöbern, und mich überraschen zu lassen. In Schweden, wo das Angebot „Kaufe vier, bezahle drei“ sehr häufig bei den Taschenbüchern zu sehen ist, kann ich einfach nicht zwei Taschenbücher kaufen, es müssen schon vier sein. Es bereitet mir einen fast körperlichen Schmerz, nicht vier, acht oder zwölf zu kaufen.

Ich kann aber nichts für diesen Trieb, Bücher zu kaufen. Ich schiebe das auf frühkindliche Prägung. Meine Mama ließ uns Kinder zur Zeit der bokrea im Februar immer jeden ein Buch wählen. Sonst gingen wir immer in die Bücherhalle, und eigene Bücher gab es nur zu Weihnachten und zum Geburtstag, also war es etwas Besonderes, im Februar ein Buch zu bekommen. Diese schöne Sitte fand allerdings ein abruptes Ende, als mein Bruder eines Jahres sagte, er würde lieber einen Hamburger haben, als ein Buch. Die kindliche Hamburger-Prägung scheint bei ihm allerdings deutlich weniger Einfluss auf sein heutiges Leben zu haben als meine Buchprägung auf meines.

/carina

* Leseplatte ist eine eigen Übersetzung des schwedischen Wortes „läsplatta“. Auf deutsch heißt es „E-book-reader“ und dem kann ich nicht so viel abgewinnen.

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